Pater Alfons Böß
Meine Erinnerungen

VER SACRUM

Erster Druck April 2014 – Viña del Mar, Chile

Digitale Registrierung der spanischen Texte des Buches “Mis Memorias” und Fotos von Pater Alfons Boess.
Zusammengestellt von Marcela Carabelli del Nido.

Alle Rechte vorbehalten.

1. Jugend in Eisenbach

Ich bin Sohn von Jakob Boess Schnierer und von Helena Jost Schnierer, der Älteste von 8 Geschwistern aus dem Ort Eisenbach, Taunus.

Der Erste Weltkrieg brach im August 1914 aus, mein Vater wurde zu den Waffen gerufen. Als er von seiner Verlobten Abschied nahm, verpflichteten sich beide, einer für den anderen jeden Tag den heiligen Rosenkranz zu beten.

Foto 1: Meine Eltern Helena und Jakob

Mein Vater heiratete meine Mutter während eines Militärurlaubs am Ostertag des 8. April 1917, um seinen alten Eltern zu helfen, die allein mit der landwirtschaftlichen Arbeit zurückgeblieben waren. Der Pallottinerpater Wienold traute sie. Er verwaltete die Pfarrei nach dem plötzlichen Tod des Pfarrers und brachte zur Trauung zwei weitere Pallottinerpatres mit, die gerade die Priesterweihe empfangen hatten und zu Besuch weilten, Pater Xaver Zeus und Pater Martin Kraus, die beide ihr ganzes Leben in Argentinien arbeiteten. Meine Eltern waren Vettern zweiten Grades des jungen Studenten Josef Schnierer, der sich zu dieser Zeit als Freund von Josef Engling unter den Gründern der Schönstattfamilie befand. Er war Leiter der eucharistischen Abteilung der marianischen Kongregation. Meine Mutter war Nichte von Pater Josef Schnierer SVD der Styler-Patres. (Verbo Divino)

Ich wurde kurz nach dem Krieg am 2. April 1919 geboren. Zwei Brüder, die folgten, starben als Kinder im Alter von 2 und 8 Jahren. Darauf folgten ein Bruder und 4 Schwestern. Meine Schwester Walburga, 1924 geboren, trat 1950 in die Gemeinschaft der Schönstätter Marien-Schwestern ein und nannte sich Schwester Maria Alfonsia. Meine 4 Schwestern und ihre Familien leben noch heute.

Wir Geschwister gingen in die Volksschule unseres Ortes, und man kann sagen, wir erhielten eine gute Erziehung, was sich später herausstellte, als ich ins Gymnasium kam.

Jeden Morgen um sieben Uhr vor Schulanfang gingen wir zur heiligen Messe, manchmal mit 10 Grad minus in einer nicht geheizten Kirche. Als wir zurückkamen, hatte unsere Mutter wie gewöhnlich das Frühstück vorbereitet: eine Pfanne mit gebratenen Kartoffeln, eine Tasse frisch gemolkene Milch und ein Brot mit Marmelade von sauren Zwetschgen. Noch heute erinnere ich mich, wie die Grossmutter jeden Abend die Kartoffeln schälte und für den nächsten Morgen kochte und kleinschnitt. In der Pause nach der dritten Stunde liefen wir nach Hause, und unsere Mutter hatte schon eine Pfanne mit Rührei bereitstehen. Sie strich es auf eine lange runde Brotscheibe und wir kehrten essend zur Schule zurück.

Schon als kleine Kinder halfen wir bei den Arbeiten auf dem Land, besonders zu Zeiten der Ernte. Aus Mangel an Maschinen brauchte man zu dieser Zeit jede Arbeitskraft.

Ich erinnere mich an die Zeiten der Getreide-Ernte. Wenn wir von der Schule kamen, assen wir schnell zu Mittag und gingen aufs Feld. Abends kamen wir zurück, da traf ich oft meinen Lehrer, der bei uns seine Milch holte. Als er erfuhr, dass ich gerade vom Feld kam, befreite er mich von meinen Schulaufgaben für den nächsten Tag.

So vergingen meine Jahre der Kindheit. Am Sonntagmorgen begleiteten wir unsere Mutter zur ersten heiligen Messe um 8 Uhr mit Kommunion. Um 10 Uhr gingen wir mit unserem Vater zum Hochamt zur feierlichen Messe, die zu jener Zeit für die Gläubigen ohne Kommunion gehalten wurde aber mit der Aussetzung des Allerheiligsten und dem Segen. Um 2 Uhr nachmittags war die Andacht, d.h. die Aussetzung des Allerheiligsten mit Gebeten und Gesang. Danach gingen wir zum Fussball und spielten mit unseren Freunden in den herrlichen Wäldern um unseren Ort.

Nach der ersten Heiligen Kommunion gehörte ich zur Gruppe der Messdiener, die in der hl.Messe halfen.

Während langer Jahre verteilte ich jeden Tag die “Bauern-Zeitung”, eine Zeitung für Landleute an ca. 40 Häuser, womit ich etwas Geld für meine Mutter verdiente, was in den zwanziger Jahren, einer Zeit der Arbeitslosigkeit und internationalen Rezession, knapp war.

Mein Hobby in jenen Jahren war eine kleine Laubsäge und Sperrholz. Ich baute Modelle. So bastelte ich einen schönen Stall für die Weihnachtskrippe mit Hirten und Schafen in der Vorderwand, die in unserem Haus heute noch aufgestellt wird. Auch fabrizierte ich große Lampen für unser Haus und für die Nachbarn von etwa 80 cm Durchmesser mit 6 bis 8 Seiten und Motiven von Fabeln oder Landschaften, mit einer bunten Seide in der Innenseite und am unteren Rand bunte Quasten. Ich habe bis heute ein Kruzifix dieser Art aufbewahrt.

Dann begann ich Minimodelle mit beweglichen Maschinen zu bauen, Das Einfachste war eine Windmühle mit beweglichen Flügeln, an der Rückseite mit einem Rad und einer Kordel, die an die Trommel der Zentrifuge angeschlossen wurde. So baute ich 12 verschiedene Modelle, z. B. einen Mann, der mit einer Axt Holz hackt oder anderes. Alle waren mit einem Kordelchen verbunden wie ein Riemen, damit sie funktionieren. Natürlich holte ich mir alle Stricknadeln meiner Mutter, um die Achsen dieser Apparate herzustellen.

So endete meine Volksschulzeit und ich musste daran denken, was ich werden wollte. Das Natürlichste für den ältesten Sohn eines Landwirts wäre gewesen, in die Fußstapfen des Vaters zu treten und seine Arbeit weiterzuführen, aber mein Vater hatte wohl schon gemerkt, dass es mich nicht so sehr dahin zog. Ich wollte in der Nähe von Limburg/Lahn in einem technischen Unternehmen studieren oder in einer Baufirma für verschiedene Maschinen, die es in der Stadt gab. Zu Beginn des Jahres 1933 war es sehr schwierig für uns, ein höheres Studium zu finanzieren.

Da nahm Gott die Entscheidung in seine Hände und zwei Personen halfen ihm.

Es war wohl Anfang März, als ich Schwester Etberta, die Schwester des Kindergartens, aufsuchte, als ich meine kleine Schwester dort abholte, (heute Marienschwester, M. Alfonsia). Sie unterhielt sich einen Moment mit mir : “Was denkst Du nach der Schulzeit zu machen? Hast Du schon mal daran gedacht, Priester zu werden? Und ich: “Aber Schwester, wie kann ich das machen? Meine Eltern haben nicht genug Geld für mein Studium”, worauf sie antwortete: “Bedenke es und sprich mit dem Herrn Pastor”

Die heilige Messe war schon immer meine Freude und ich versuchte, Gebet und Gesang des Priesters zu verstehen. Meine Grossmutter mütterlicherseits, Schwester eines Priesters (Pater Josef Schnierer SVD , Styler Patres) half mir sehr dabei und schenkte mir ein kleines Messbuch mit deutschem Text. Im März nahm sie mich zur Priesterweihe eines Kurses der Pallottinerpatres nach Limburg mit. Unter den geweihten Priestern war ein befreundeter Diakon, den ich kennengelernt hatte, als er mehrere Male in Eisenbach als Diakon die heilige Messe mit “3 Priestern” anlässlich der grossen Feste feierte. Bei diesen Gelegenheiten hatte auch ich als Messdiener gedient. Im Priesterseminar der Pallottiner in Limburg traf ich einen Nachbarn, den Frater Wilhelm Muth, dem ein Jahr zur Priesterweihe fehlte. Da erinnerte ich mich an die Frage von Schwester Etberta. Ich betete viel, um von Gott Klarheit zu bekommen.

Bei einer anderen Gelegenheit bestand die Schwester darauf, mit dem Pfarrer zu reden. So ging ich eines Tages zu ihm. Er meinte, wir sollten bis zur nächsten Woche warten, wenn wieder ein Pallottinerpater käme um bei der Messe und bei der Beichte vor der Osterfeier zu helfen. Es war schon Anfang April.

“Wir sind schon spät dran” sagte uns der Pallottinerpater, “am 1. Mai beginnen die Unterrichtsstunden in Schönstatt. Wie dem auch sei, geh schnell in den nächsten Tagen nach Limburg, um mit dem Provinzial zu sprechen”.

Wir machten uns also mit meinem Vater auf, um mit dem Provinzial zu reden. “Sie kommen sehr spät. Da sind schon 75 im Kursus eingetragen, es sind viele”, meinte er. Ich aber wartete und dann sagte der Pater zu mir: “In diesen Tagen ist einer zurückgetreten, Sie können seinen Platz einnehmen.”

Später war ich der einzige der 75 Jugendlichen, der Pallottinerpater wurde, natürlich sind viele im Krieg gefallen.

Nun musste ich alles schnell vorbereiten, meine Kleidung, Bettwäsche, die täglichen Utensilien und alles mit meiner Nummer 1452 versehen. (Jahr der Eroberung von Konstantinopel durch die Türken).

2. Schönstatt

Mein Vater brachte mich am 1. Mai 1933 (Tag, an dem Hitler mit grossem Aufwand und Pomp seinen Sieg in Deutschland feierte) in das antike Studiengebäude der Pallottinerpatres in Ehrenbreitstein, denn das Zentralhaus in Schönstatt war schon voll besetzt mit den höheren Kursen. Ehrenbreitstein liegt bei Koblenz auf der rechten Seite des Rheins etwa 5 km von Schönstatt entfernt.

Dort begann für mich ein ganz neues Leben in einem Haus mit etwa 120 Schülern von zwei Kursen und 20 Ordensbrüdern, Patres und Laien. Ich lernte das Heimweh zu überwinden und begann mit den ersten Schritten in Latein: “Westfalia est provincia”.


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Erster Druck April 2014 – Viña del Mar, Chile

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Fotos von Pater Alfons Boess zusammengestellt von Marcela Carabelli del Nido.

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